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Wild lebende Honigbienen – Seuchenschleuder oder Genschatz?

Den wild lebenden Geschwistern der fleißigen Honigbiene wird häufig unterstellt, sie seien aufgrund von Krankheiten und Parasiten eine Gefahr für die Bienenvölker der Imker. Dieses Thema beleuchtet Diplom-Biologin Sigrun Mittl in ihrem vierten Gastbeitrag.

Über Jahrtausende schenkte uns die Natur gesunde, wilde Honigbienen für unsere Imkerstände. Leider haben wir diese Quelle vor etwa 120 Jahren durch die Verdrängung der einheimischen wild lebenden Honigbiene selbst ausgetrocknet. Seitdem leben nur noch verwilderte Honigbienen in Wald und Flur, die ihren Imkern entwischt sind. Die Schwärme versuchen, in freier Wildbahn zu überleben, was vielen von ihnen erstaunlich gut gelingt. Diese Völker sorgen bei vielen Imkern jedoch für teils heftige Debatten, da sie befürchten, dass diese Krankheiten auf ihre Bienen übertragen könnten. Da ist dann schon mal von Seuchenschleudern die Rede, die man ausmerzen müsse.

Über die Gastautorin:

Diplom-Biologin Sigrun Mittl erforscht seit 9 Jahren verschiedene Themen rund um die einheimische Dunkle Biene und die Honigbiene in Imkerhand im Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Nutztierhaltung. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf der Vermittlung von wissenschaftlich fundiertem Wissen zur schöpfungsnahen Bienenhaltung und dem Schutz der wild lebenden Honigbienen. Darüber berichtet sie auf https://bienen-dialoge.de/ und auf ihrem YouTube-Kanal. 2021 werden ihre Texte als Buch erscheinen.

Ich möchte dieses Thema anhand der Forschung über die bedrohlichste Bienenkrankheit, die Amerikanische Faulbrut (AFB), beleuchten. (1) Als man noch wilde Bienen aus dem Wald holte, machte sich kein Imker Sorgen. Was hat sich verändert? Sind verwilderte Honigbienen tatsächlich Seuchenherde? (2) Und da dieses Thema sehr sensibel ist, möchte ich Zitate berühmter Bienenwissenschaftler anführen, deren Ruf unbestritten ist.

Die Berichte über Krankheiten bei Honigbienen nehmen zu

Beginnen möchte ich mit einer interessanten Beobachtung: Wenn wir die frühen Berichte der Landesanstalt für Bienenzucht Erlangen von 1908 bis 1932 durchlesen, fällt auf, dass das Thema Krankheiten dort nur sehr am Rande behandelt wird – obwohl eine schleichende aber kontinuierliche Zunahme von Krankheiten auf den Bienenständen beobachtet wurde.

Ganz anders ist dies in den Berichten ab 1954. Dort nehmen die Behandlung von Krankheiten und die Empfehlung verschiedenster chemischer Mittel immer mehr Raum ein. Da hat sich also ein kleines Problem zu einem immer größer werdenden ausgewachsen. Was könnte der Grund dafür sein?

Ausbreitung der Amerikanischen Faulbrut

Diese Frage trieb auch die damaligen Bienenforscher schon um. Herr Hofmann, ein Faulbrutsachverständiger und Lehrer, wertete 1904 die Bienenzeitschriften von 1823-1860 aus und lieferte die ersten zwei Gründe für die Zunahme von Krankheiten: „Die berühmten Bienenzüchter (…) erklärten, die ansteckende Brutpest (Amerikanische Faulbrut) weder auf ihren eigenen Ständen noch in ihrer Gegend gefunden zu haben. In Thüringen war sie bis zum Jahre 1858 ganz unbekannt (…)“. „(…) Erst, als vom Auslande Bienenvölker (…) eingeführt, in Fehljahren fremder Honig (besonders aus Amerika) zur Fütterung verwendet wurde (…), zeigte sich die Bienenbrutpest auf mehreren Ständen Bayerns und Deutschlands in bedrohlicher Weise.“ (3)

Prof. Zander beklagte schon 1910 zusammen mit den Kollegen Borchert und Maasen bestimmte Imkerpraktiken, die als weiterer Grund für die zunehmende Verbreitung von Krankheiten verantwortlich seien: „Heute darf man sich der Tatsache nicht mehr verschließen, daß für die Verbreitung der Bienenkrankheiten in erster Linie der Imker und nächst ihm in untergeordnetem Maße die Bienen verantwortlich zu machen sind. (…) Obgleich es faulbrütige Völker immer gegeben hat, sind doch die Brutseuchen erst zu einer wirklichen Gefahr für die Bienenzucht geworden, seitdem der Mobilbau die Korbbienenzucht mehr in den Hintergrund gedrängt hat. Damit soll nicht dem Korb das Wort geredet werden, denn nicht die Betriebsweise an sich trägt die Schuld, sondern die durch den beweglichen Bau an den Imker herangetretene Versuchung, unnötig viel an seinen Völkern zu hantieren und zu probieren.“ (4) Damit meint er in erster Linie die schlechte Angewohnheit, Futter- und Brutwaben fremder Völker in andere Völker einzuhängen oder schwache Völker mit fremden Bienen zu verstärken, wodurch gefährliche Krankheitskeime in gesunde Völker verschleppt werden können.

Krankheitsübertragung zwischen domestizierten und wild lebenden Honigbienen

Heute, in Zeiten der Varroamilbe, stellen sich die gleichen Sorgen zum Gesundheitszustand der wild lebenden Honigbiene wieder ein. Wieder kommt die Forschung zu erstaunlich ähnlichen Erkenntnissen. In Bezug auf die Amerikanische Faulbrut ergaben Studien, dass die heute üblichen Imkerpraktiken – wie z. B. der Austausch von Beuten und Bienenmaterial zwischen einzelnen Völkern und der Handel mit Königinnen, Völkern und Honig – dazu führen, dass Erreger wie AFB sich extrem schnell verbreiten und dadurch sogar für verwilderte Völker zur Gefahr werden können. Zu ähnlichen Rückschlüssen kamen die Forscher auch in Bezug auf Krankheitserreger wie Varroa, Nosema und Flügeldeformationsvirus. (5) (6)

Natürliche Selektion bei wild lebenden Honigbienen

Aus allen bekannten Untersuchungen lässt sich eine klare Tendenz ableiten: Wild lebende Honigbienenvölker scheinen mehrheitlich gesünder zu sein als ihre domestizierten Artgenossen und werden demnach zu Unrecht als „Seuchenschleuder“ bezeichnet. Wenn wir uns die Gesetze der Natur vor Augen halten, wird das auch verständlich: kranke Völker haben in der Natur auf Dauer keine Überlebenschance – der positive Nebeneffekt: Die Krankheitserreger sterben mit ihnen.

Durch Erreger geschwächte Völker können diese nicht so leicht an andere Bienenvölker weitergeben, da das nächste Volk in freier Wildbahn mindestens ein paar Hundert Meter weiter lebt. Auch Völker, die zu wenig Vorrat sammeln, überleben nicht. Dies gilt natürlich auch für die Varroamilbe und die Viren, die sie übertragen kann. Völker in freier Wildbahn sterben oder lernen, sich mit der Varroamilbe zu arrangieren. Sie haben die Chance, varroa-resistent oder -tolerant zu werden.

Verwilderte Völker sind meiner Ansicht nach sogar als Genschatz zu betrachten. Beweisen sie doch, dass die Westliche Honigbiene das genetische Potenzial in sich trägt, Verhaltensweisen auszubilden, die die Varroamilbe und andere Erreger in Schach halten. Diese Völker sind aus Imkersicht das Wertvollste, was wir haben, und sie verdienen unseren Schutz. Wir können noch vieles von ihnen lernen. (7)

Dies war mein vorerst letzter Gastbeitrag. Ich habe sehr viel Freude daran gehabt und hoffe, Sie auch!
Ihre Sigrun Mittl

Literatur:

1. Mittl, Sigrun. Wild lebende und gemanagte Honigbienen und die Amerikanische Faulbrut – damals und heute; 2. korrigierte Fassung. https://bienen-dialoge.de. Dezember 2016, S. 8.
2. —. Wild lebende Honigbienen – Seuchenschleuder oder Genschatz? https://bienen-dialoge.de. Mai 2017, S. 12 S. .
3. Hofmann, K. Die Bienenbrutpest oder Faulbrutkrankheiten. Memmingen: Bayerischer Landesbienenzuchtverein (Hrsg.), 1904.
4. Zander, Enoch. Die Faulbrut und ihre Bekämpfung – Handbuch der Bienenkunde in Einzeldarstellungen I. Stuttgart: Verlagsbuchhandlung Eugen Ulmer, 1910.
5. Genersch, E. American foulbrood in honeybees and its causative agent, Paenibacillus larvae. Journal of Invertebrate Pathology 193. 2010, S. 510-519.
6. Goodwin, R., Ten Houten, A. und Perry, H. Incidence of American foulbrood infections in feral honey bee colonies in New Zealand. New Zealand Journal of Zoology Vol. 21. 1994, S. 285-287.
7. Mittl, Sigrun. Varroa-resistente und gesunde Honigbienen – Plädoyer und Argumente für eine artgerechte Honigbienenhaltung und -zucht. https://bienen-dialoge.de. Februar 2017, S. 20.

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