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Honigbienen – geheimnisvolle Waldbewohner

Die Imkerei bestimmt das Bild der Honigbienen in den Köpfen der Menschen. Demnach sind Honigbienen Nutztiere und leben in rechteckigen Kästen, die der Mensch ihnen als Wohnung zur Verfügung stellt. Tatsächlich aber beginnt die wahre Geschichte der Bienen ganz ohne den Menschen vor vielen Millionen Jahren. Es ist eine Erfolgsgeschichte, deren tiefe Geheimnisse wir erst ganz allmählich verstehen.

Jürgen Tautz
Bienenexperte und bee careful Kooperationspartner Prof. Dr. Tautz

Die Natur der wahren Honigbiene enthüllt sich, wenn wir ihr dort begegnen, wo sie entstanden ist. Die Honigbiene ist ein Waldinsekt. Dort hat sie sich an einen Lebensraum angepasst, der sich deutlich von der Kulturlandschaft unterscheidet, in der sie heute als Nutztier gehalten wird.

Diese Einsicht ist nicht nur von wissenschaftlichem Interesse, sie kann entscheidend dazu beitragen, das Überleben der Honigbienen zu sichern. Der Zugang zu diesem Denken ist neu und das neue Buch „HONIGBIENEN – Geheimnisvolle Waldbewohner“ (Ingo Arndt und Jürgen Tautz) soll dazu beitragen, die Honigbienen als das zu sehen, was sie noch immer sind. Die Honigbiene ist bis heute Wildtier geblieben trotz einer Bienenhaltung über mehr als 5000 Jahre hinweg und trotz Zuchtbemühungen durch den Menschen.

Die Honigbiene als Wildtier

Als Wildtier existiert die Honigbiene zur großen Überraschung der allermeisten Menschen (inklusive vieler Imker) auch noch heute im Wald als dem Lebensraum, in dem sie im Laufe der Evolution entstanden ist. Ihre Eigenschaften und Fähigkeiten sind auf diesen Lebensraum ausgelegt und bis heute so erhalten. Versetzt man eine Bienenkolonie aus der künstlichen Beute eines Imkers in eine natürliche Baumhöhle, ist auf der Stelle ihr volles Repertoire an sinnvollen Verhaltensweisen wieder da. Die Honigbienen haben auch nach Jahrtausenden Betreuung und Haltung in Menschenhand nichts „vergessen“.

Mir selbst wurde auch erst in den letzten Jahren durch mein wachsendes Interesse an den Fragen „Gibt es bei uns überhaupt noch wild lebende Honigbienen?“ und „Wenn JA, wie leben sie?“ bewusst, wie groß unsere Unkenntnis über die „wahre Honigbiene“ ist – trotz einer Vielzahl spannender Studien, wunderbar zusammengefasst bei Seeley 2019.

Beispiele für „wilde“ Verhaltensweisen von Bienen

Die Einrichtung und Aufrechterhaltung der natürlichen „Wohnung“ in hohlen Bäumen ist geprägt von einer hoch organisierten Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedern einer Kolonie. Unter den künstlichen Bedingungen der Imkerei, in denen der Imker den Bienen die Nester vorgibt, können (und müssen) die Bienen ihr natürliches Potenzial nicht ausspielen. Aber hin und wieder blitzt die „wilde Biene“ auch beim Imker wieder auf.

Ein Beispiel dafür ist das vom Imker sogenannte „Hobeln“, welches wir auch im Fotobildband aufgegriffen haben. Bei diesem Verhalten schaben die Bienen mit ihren Mundwerkzeugen die ohnehin glatten Bretter einer Bienenbeute (so nennt der Imker die künstlichen Behausungen, die er den Bienen anbietet) scheinbar sinnlos weiter glatt. Im hohlen Baum, der von einem Bienenschwarm neu bezogen wird, macht dieses Verhalten sehr viel Sinn. Es werden von der Höhleninnenwand lose Partikel und eventuell vorhandener Schimmel entfernt.

Anschließend „tapezieren“ Wildbienen die so vorbereiteten Höhlenwände in der Umgebung der Bienenwaben mit Propolis, einem antibakteriellen Harz, das die Bienen an Pflanzen sammeln. Auch beim Imker setzen die Bienen Propolis ein, aber meistens weniger sinnvoll in Form massiver Klumpenbildung in den Ecken der Beute.
Die Liste an überraschend neuen Blicken auf alte, zum Teil bisher unverstandene oder nicht treffend gedeutete Verhaltensweisen von Bienen ließe sich fortsetzen. In unserem Buch „HONIGBIENEN – Geheimnisvolle Waldbewohner“ ist vieles dazu nachzulesen und zu betrachten.

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Das neue Buch von Ingo Arndt und Jürgen Tautz.

Warum es ein neues Bienenbuch brauchte

Es waren vier Motive, die uns zu diesem Buch veranlasst haben:

1. Wir wollten erstmalig lückenlos beobachten und fotografisch dokumentieren, wie ein Bienenschwarm in eine Baumhöhle einzieht und sich dort einrichtet. Gleichzeitig wollten wir beobachten, wie sich die Kolonie in ihrem ersten Jahr entwickelt.
2. Uns interessierte die Frage, ob wir aus dieser Studie etwas für die praktische Imkerei ableiten können.
3. Ebenso wollten wir erörtern, ob sich aus dem komplett neuen Blickwinkel auf die Honigbiene als ursprünglichem Waldinsekt für die Wissenschaft neue Betätigungsfelder ergeben.
4. Darüber hinaus hatten wir das Ziel, möglichst viele Menschen an dem teilhaben zu lassen, was wir sehen und erleben durften.

Gerade für die Teilhabe möglichst vieler Menschen an neuen Eindrücken und Einsichten haben wir uns für die Form eines Fotobildbandes entschieden. So entstand das Autoren-Team Ingo Arndt und Jürgen Tautz. Der Mensch nimmt die überwiegende Menge an Information visuell auf, und der Blick in eine bisher verborgene Welt ist auf diese Weise direkt und unkompliziert. Man kann sich wie eine Biene unter Bienen fühlen.

Nach Abschluss des Projektes, das mit allen Vorbereitungen runde zwei Jahre in Anspruch genommen hat, können wir schon jetzt diese Bilanz formulieren: Wir haben Erkenntnisse zur wild lebenden Honigbiene gewonnen, die der klassischen Bienenhaltung neue Impulse geben und der Bienenforschung neue Felder eröffnen könnten.

Wer eine konzentrierte Darstellung von etwa 600 wissenschaftlichen Publikationen zu dem Thema, das der Bildband veranschaulicht, lesen möchte, dem sei das Buch von Thomas Seeley „The Lives of Bees. The Untold Story of the Honey Bee in the Wild” wärmstens empfohlen.

Darum ist die Erforschung von wild lebenden Honigbienen wichtig

Aus der Erforschung der wild lebenden Honigbienen können wir wichtige Erkenntnisse für die Imkerei und die Wissenschaft gewinnen. Honigbienen gehören beispielsweise als wichtige Glieder im Naturgefüge in den Lebensraum Wald. Um sie dort wieder ansiedeln zu können, wo natürliche Nistmöglichkeiten fehlen, sind künstliche, möglichst naturnahe Behausungen notwendig. Wie solche Behausungen angelegt sein sollten, lernen wir durch das Studium wild lebender Honigbienen.

Gesunde Bestände an wild lebenden Honigbienen sind nicht nur aus natur- und umweltschützerischen Gedanken wichtig. Sie können auch für die praktische Imkerei sehr bedeutsam werden – zum Beispiel wenn es um genetisches Erbgut geht. Wild lebende Populationen sind von natürlicher Selektion betroffen. Sie ist der einzige Vorgang, der es schafft, das Erbgut an jeweilige auch wechselnde Umweltbedingungen anzupassen. Dadurch sind diese Populationen robuster und widerstandsfähiger als Zucht-Honigbienen und können eine genetische Reserve bilden, falls sich dafür eine Notwendigkeit ergibt.

Für die Grundlagenforschung zur Biologie der Honigbienen hat deren Betrachtung im Lebensraum Wald auch zu neuen Erkenntnissen geführt, die Orientierung, Navigation und Kommunikation betreffen. Daraus lässt sich ein höchst spannendes Forschungsprogramm für kommende Bienenforschergenerationen ableiten.

Das Buch „HONIGBIENEN – Geheimnisvolle Waldbewohner“ ist ab dem 21. Februar 2020 im Handel erhältlich.

  • Honigbienen. Geheimnisvolle Waldbewohner
  • Ingo Ardt, Jürgen Tautz
  • Knesebeck Verlag
  • 192 Seiten mit 173 farbigen Abbildungen
  • 38,00 €
  • ISBN 978-3-95728-362-7

Weitere Informationen

Hier finden Sie weitere Buchtipps für Kinder.

Auf der Webseite des Knesebeck Verlags findet sich ein Video mit den Bienenforschern Benjamin Rutschmann und Patrick Kohl, die das neue Buch unterstützt haben, am Nest wild lebender Honigbienen (Images by Dimi Dumortier, Ducktape Productions, exerpt from the documentary Not Your Bee, expected release february 2021).

Weitere wichtige Pionierarbeiten über die Bedeutung und Funktion wild lebender Honigbienen finden sich auch auf der Homepage von Diplombiologin Sigrun Mittl.

Ein wunderbarer Film zur Thematik mit dem schönen und klug mehrdeutigen Titel „Eine Frage der Haltung“ wurde gerade von Felix und Miriam Remter fertig gestellt.

Literatur
Kohl, Patrick & Rutschmann, Benjamin: Versteckt und unerforscht: Wild lebende Honigbienen in unseren Wäldern. Deutsches Bienenjournal, Juni 2018.

Ruppertshofen, Heinz: Der summende Wald. Ehrenwirth, München 1972.

Rutschmann, Benjamin, Kohl, Patrick & Roth, Sebastian: Beelining – wie man wild lebende Honigbienen findet. Deutsches Bienenjournal, Juli 2018.

Seeley, Thomas D.: Auf der Spur der wilden Bienen. Die Kunst der Honigjagd. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2017.

Seeley, Thomas D.: The Lives of Bees. The Untold Story of the Honey Bee in the Wild. Princeton University Press, Princeton 2019.

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