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Die Honigbiene ist ein Waldinsekt

Unsere Honigbienen sind ursprünglich Waldinsekten und in einer langen Entwicklung daran angepasst, den Großteil ihres Lebens in hohlen Bäumen zu verbringen. Über lange Zeiträume hinweg haben sich die Bienen dabei nicht nur an diesen Lebensraum angepasst, sondern sind in ihren Höhlen auch Lebensgemeinschaften mit anderen Organismen eingegangen.

Jürgen Tautz
Bienenexperte und bee careful Kooperationspartner Prof. Dr. Tautz

Kaum Kenntnisse über waldlebende Bienen

Da der Mensch vor Jahrtausenden damit begonnen hat, Honigbienen in seine Obhut zu nehmen, ist in seinem Bewusstsein ihre Rolle in natürlichen Lebensgemeinschaften zunehmend in den Hintergrund getreten. Auch die Funktionen der Lebensgemeinschaften wurden verändert bzw. sind durch immer intensivere Bewirtschaftungsformen in den Hintergrund gerückt. Entsprechend sind unsere Kenntnisse über die Biologie frei lebender Honigbienen verschwindend, ebenso unser Wissen darüber, wie relevant das Wildtier Honigbiene in unseren Wäldern ist, ob es überhaupt noch nennenswerte Bestände davon gibt und wie ein auf die Zukunft ausgerichteter Umgang mit wild- und waldlebenden Bienenvölkern aussehen sollte.

Bienen in Symbiose mit anderen Lebewesen

Heute wissen wir von diesen ursprünglichen Lebensgemeinschaften so gut wie nichts. Auch, weil wir eben nicht mehr wissen, wie es in Bienenbäumen aussieht und was dort vor sich geht. Dabei gibt es im Inneren des Baumes und mit den Bienen vergesellschaftet ein kleines Ökosystem, dessen Komplexität wir bisher nur in Grundzügen erahnen können. Denn die Lebewesen, die sich die Baumhöhle teilen, besitzen nicht nur die gleiche Adresse, sondern ihre Existenzen sind eng miteinander verwoben. Das wird leicht klar, wenn wir uns die Zusammenarbeit von Bienen und Wachsmotten ansehen. Wachsmotten legen ihre Eier in alten Wabenbau. Die Raupen der Wachsmotte ernähren sich von den von schlüpfenden Bienen zurückgelassenen Puppenhäutchen und von Pollenresten. Dabei fressen sie sich kreuz und quer durch die Zellen, wobei sie ihre Fraßgänge mit einem Gespinst auskleiden. Was Imker verabscheuen, ist für Bienen in freier Wildbahn ein Segen. Eine natürliche waldbewohnende Bienenpopulation vermehrt sich Jahr für Jahr durch Schwarmbildung. Den Schwärmen stehen neue Bienenwohnungen dann zur Verfügung, wenn in Bäumen neue Höhlungen entstanden sind, oder bisher besetzte Höhlen durch den Tod des Bienenvolkes frei werden. Neue Höhlen entstehen sicherlich nicht so häufig. In den von Bienen verlassenen Höhlen hängt noch der alte verlassene Wabenbau der Vorbesitzer, den Schwärme nicht nutzen können. Hier kommen die Wachsmotten ins Spiel. Angelockt durch den Geruch der verlassenen Waben legen die Falter ihre Eier in die verlassenen Nester. Die Raupen schaffen durch die Zerstörung der alten Waben Raum für Neues.

Der Bienenbaum als Forschungsquelle

Ähnliche Kooperationen können wir im Bienenbaum vielleicht auch für andere Lebewesen und ihr Zusammenwirken mit den Bienen entdecken. Bakterien, Pilze und ein ganzes Spektrum an Gliedertieren und andern Kleinlebewesen stellen sich in den Bienenbäumen ein. Ob und inwieweit dabei ähnliche wie für die Wachsmotte beschriebene funktionell wichtige Zusammenhänge zum Leben der Bienen bestehen, ist bisher so gut wie unerforscht. Wild lebende Honigbienenvölker können auch eine wertvolle Ressource im gesamten Genpool einer Bienenpopulation darstellen, ja sogar Angriffspunkt für natürliche Selektion sein. Möglicherweise kann Wissen aus dem Studium solcher Bienenvölker dazu beitragen, den Imker in seiner Arbeit zu unterstützen.

Wie wenig wir über diesen gesamten Komplex in unseren Breiten wissen, zeigt alleine die Tatsache, dass völlig unbekannt ist, wie viele frei lebende Bienenvölker es bei uns gibt und wo und wie sie wohnen. Es sind derzeit einige Projekte, auch aus dem HOBOS-Team, am Start, die zum Ziel haben als ersten Schritt zu kartieren, wo wir in Deutschland frei lebende Bienenvölker finden, die dann auch unter wissenschaftlichen Fragen betrachtet werden können: Wie findet man freilebende Bienenvölker? Geht das sogar systematisch?

Haben wilde Bienenvölker in unseren Wäldern eine Chance?

Ja, das geht und jeder kann dazu einen Beitrag leisten. Auf der Forschungsplattform HOBOS (HOneyBee Online Studies) startet jetzt das Forschungsprojekt BEEtrees. In diesem Rahmen sollen natürlich nistende Bienenvölker in ganz Mitteleuropa erfasst werden. Die Häufigkeit und die geographische Verteilung wild lebender Bienenvölker sollen untersucht werden. Außerdem sollen das Nestklima und das Baumhöhlen-interne Mikro-Ökosystem Forschungsgegenstände sein. Ziel des Projektes ist zu überprüfen, ob unbeimkerte Honigbienenvölker in unseren Wäldern eine Überlebenschance haben.

Es passt wunderbar, dass in diesen Tagen dazu die deutsche Fassung eines Buches des renommierten Bienenforschers Thomas Seeley auf den Markt gekommen ist (T.D.Seeley: Auf der Spur der wilden Bienen), das eine Anleitung dazu gibt, wie sich die Wohnungen frei lebender Bienen aufspüren lassen.

Messung raumklimatischer Faktoren in Inneren eines Bienenbaumes. (Foto: Torben Schiffer)

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